News

Freitag, 30. Oktober 2009

Bundesjugendtraining BW 2009

„Wenn man Islandpferde reitet, hat man einen Traum; und an diesem Traum muss man festhalten." Claus Becker

Schon dieser einzelne Satz vermag eine Gänsehaut zu erzeugen, doch wir Teilnehmer des Bundesjugendtrainings Baden-Württemberg 2009 hatten das Glück, nicht nur einen Satz, sondern ein ganzes Wochenende im Zeichen dieses Zitats zu erleben.
Ich berichte hier vom diesjährigen Bundesjugendtraining Baden-Württembergs, welches vom 9. - 11. Oktober 2009 auf dem Wiesenhof stattfand. Thema des Trainings waren die „Alten Meister", wie sie genannt wurden, welches jedoch nicht im mindesten auf die Verfassung der Trainingsleiter anspielen soll, sondern auf ihren immensen und beeindruckenden Erfahrungsschatz, den sie anlässlich dieser drei Tage uns, der „jüngeren Generation", zuteil werden lassen wollten. Ziel war es, uns Jugendlichen lebendig und nah die Anfänge der Islandpferdereiterei in Deutschland, ihre Geschichte und die Entwicklungen bis zum heutigen Tage zu vermitteln, uns erfahren zu lassen, dass es keineswegs nur einen einzigen, festgeschriebenen Weg gibt seit Anbeginn der Islandpferdereiterei, sondern dass alles einem ständigen Wandel und einer Weiterentwicklung, neuen Ideen, Wünschen und Träumen unterliegt.

Das Einzige was immer gleich war, ist und auch bleiben und immer die Basis aller Veränderung sein wird, ist die Liebe zu unseren Islandpferden und der Wunsch, unser Möglichstes zu tun, um das Verhältnis zwischen unseren Pferden und uns so optimal wie möglich zu gestalten. Es ist immer schwierig, Emotionen in Worte zu fassen, vor allem, wenn sie so intensiv und vielfältig sind, wie die, die wir in diesen drei Tagen erlebt und gefühlt haben - von Freude und Spaß über Nachdenklichkeit und Sachlichkeit bis hin zu Rührung war alles vorhanden.
Den Anfang am Freitagnachmittag machten Helga und Bernhard Podlech mit einem Vortrag über den Wiesenhof, seine Vergangenheit, seine Gegenwart und seine Zukunft, über ihre Ideen zum Thema „Islandpferde" und was ihnen besonders am Herzen liegt. Sie stellten auch den Ort für den nächsten Programmpunkt zur Verfügung - nämlich die Feuerstelle vor ihrem Wohnhaus auf dem „Alten Hof".

In Decken gekuschelt und vom Feuer gewärmt, mit einem Getränk in der Hand lauschten wir gespannt Andreas Trappe, Heinz Pinsdorf und Helga Podlech, die uns mit ihren Geschichten auf eine hippologische Zeitreise zu den Anfängen der Islandpferdereiterei in Deutschland mitnahmen. Manches kaum vorstellbar für uns heutzutage, erzählten sie uns von ersten Einfangversuchen „wilder Islandponys", die diesen seltsamen Gangsalat gingen, den wir heute „Tölt" nennen und der früher von Tierärzten als Krankheit diagnostiziert wurde, von ersten Wettkämpfen auf Asphalt, in welchen nur der gehörte Takt - deshalb auf Asphalt - zählte, von der Einführung der ersten Notenskalen, von der Weiterentwicklung des Turniersports und der Fertigstellung der ersten Ovalbahn in Aegidienberg.

Zu diesem Thema muss gesagt werden, dass unter den „Alten Meistern" durchaus Uneinigkeit besteht, was den Grund angeht, warum viele, viele Jahre lang das offizielle Maß einer Ovalbahn bei 200 Metern lag. Böse Zungen behaupten nämlich, dass einfach auf der Wiese - zwischen Hecke und Hecke -, auf welcher die erste Ovalbahn ausgemessen wurde, nicht mehr Platz gewesen sei, was jedoch von anderer Seite heftig dementiert wird. Aber egal ob 150 Meter, 200 Meter, 250 Meter oder mehr - der Entwurf einer Ovalbahn war durchaus ein bedeutender Punkt, der die Szene maßgeblich beeinflusst hat. Nachdem irgendwann das Feuer heruntergebrannt war, machten wir uns - in Gedanken immer noch um ca. 1970 befindlich - auf den Weg in unsere gemütlichen Betten und schliefen sehr bald ein.
Auch am nächsten Tag ging es spannend weiter - Andreas Trappe erzählte uns von seinen Erfahrungen, was die Zusammenhänge zwischen Gebäude und Reiteigenschaften bei Islandpferden angeht. Zuerst in der Theorie besprochen und diskutiert, sahen wir uns dann auch noch in der Praxis verschiedene Beispielpferde an. Beeindruckend präzise konnte Andreas anhand des Gebäudes die Stärken und Schwächen des Pferdes unter dem Sattel erkennen und mögliche Trainingswege aufzeigen.

Gegen später hielt Andreas Trappe dann auch noch ein anderes interessantes Thema für uns parat, welches im Umgang und im Training mit unseren Pferden eine entscheidende Rolle spielt. So erläuterte er uns die Persönlichkeitsvoraussetzungen des Reiters für erfolgreiches Sportreiten und Training - wie muss der „Geist des Reiters" beschaffen sein, was muss er für Fähigkeiten besitzen, um effektiv, gelassen und ruhig mit dem Pferd arbeiten zu können. Mit einer kleinen Diskussion schlossen wir dieses Thema ab und widmeten uns dem „nächsten Meister" - dem „Meister des Rennpassreitens": Heinz Pinsdorf. Uns allen bekannt als erfolgreicher Rennpassreiter erzählte Heinz uns von den Anfängen der Rennpassreiterei und untermalte dies mit einer - teilweise sehr amüsanten - Broschüre aus dieser Zeit. (Was meint man zum Beispiel mit: „Bei den ersten zehn Paßrennen sollte keine Zeit geritten werden.") Wir verglichen damals und heute und stellten fest, dass trotz einiger neuerer Erkenntnisse sich die Grundlagen doch bis heute gehalten haben. Das Hauptaugenmerk von Heinz lag jedoch auf dem praktischen Rennpassreiten. So durften acht Reiter ihre Pferde mitbringen und sich einige Kniffe und Ratschläge vom Profi holen. Egal ob zu viel Viertakt, zu viel Zweitakt, Tribulieren, Rolle oder sonstige Fehler - mit ein paar Hilfsmitteln und ein paar guten Ratschlägen konnte jeder Reiter einige gute Ideen für das weitere Training mit nach Hause nehmen.
Nachdem wir nun - egal ob Trainer, Reiter oder Zuhörer - im strömenden Regen in der Ovalbahn nass geworden waren, eilten wir ins Gästehaus zurück, um uns dort an heißer Schokolade, Kaffee und Muffins gütlich zu tun. Dort erwarteten uns bereits Ullu und Claus Becker mit einem ungemein anrührenden und lebhaft vorgetragenen Vortrag über ihre Teilnahme am „Great American Horserace" im Jahre 1976 - 3.000 Meilen mit Islandpferden durch Amerika - von New York nach Kalifornien. Gegenseitig warfen sie sich die Bälle zu und vermochten es, mit ihren dia- oder filmunterlegten Geschichten über ihre Erlebnisse, über Hitze und Kälte, Wüsten und Berge, Cowboys und Klapperschlangen und vieles mehr, ihre Zuschauer zu fesseln. Und damit nicht genug: Der Vortrag hat uns so gut gefallen, dass wir als Programmpunkt für das nächste Jahr bereits einen mehrtägigen Ritt durch die Vogesen ins Auge gefasst haben, bei welchem wir unsere neu erworbenen Kenntnisse über das Wanderreiten, sowie Konditions- und Aufbautraining anwenden möchten, aber vor allem die unglaubliche Atmosphäre erleben möchten, die die Geselligkeit mit anderen Reitern und die Einheit mit dem Pferd schaffen.


So war auch dieser Tag viel zu schnell vergangen und wir trafen uns am Sonntagmorgen nach dem Frühstück, um dem Vortrag von Walter Feldmann zu lauschen, dessen dazugehörige Power-Point-Präsentation er gemeinsam mit Andrea-Katharina Rostock erstellt hatte. Walter erzählte uns von der Entwicklung des Turniersports und der Ausbildungs- und Prüfungsordnung. Detailgenau erfuhren wir, über welche Entwicklungsschritte hinweg das Turniergeschehen seinen Lauf genommen hatte und erkannten auf den vielen Bildern von Europa- und Weltmeisterschaften und den ersten Abzeichen- und Trainerlehrgängen viele altbekannte Gesichter. In der Praxis stellte uns Marlies Feldmann ihren Aegidienberger-Hengst „Pescador" vor, der wahre Begeisterungsstürme bei den Zuschauern auslöste, wie er da so locker flockig um die Ovalbahn töltete. Ebenfalls beeindruckend und ebenso unter dem Motto „Was man von anderen Gangpferderassen lernen kann" stehend, war Walters Arbeit mit einer jungen American Saddlebred-Stute, von welcher wir sowohl was Bewegung und Ausdruck im Tölt angeht als auch in der Doppellongenarbeit wohl noch einiges mitnehmen können.
Den Abschluss des Seminars bildete Bernhard Podlech, der uns in Theorie und Praxis einiges über die Gangverteilungsskala seines Vaters Bruno erzählte. Wir lernten viel über gespannte, verspannte und fließende Energie, Dreigänger, Viergänger, Fünfgänger, Naturtölter, Rennpasser und ihre vielfältigen Zwischenformen, sowie noch einiges über praktische Tipps zum Gangpferdebeschlag von Michel Becker.
Ein großer Dank geht an das Gästehaus für seine - wie immer perfekte Versorgung, an den Wiesenhof für seine Gastfreundschaft, den Landesverband für die Organisation, den vielen anderen Menschen, die geholfen haben, dieses Seminar zu veranstalten - Dani Gehmacher, Michaela Greiner, Annette Braun -, dem IPFK e. V. als Sponsor, allen, die ich vergessen habe und natürlich an vorderster Front den „Alten Meistern", die ihre wertvollen Erinnerung mit uns geteilt haben - vielen Dank an euch alle!
Abgesehen davon, dass jeder von uns zweieinhalb unvergessliche Tage erlebt hat, voll von Spaß, Unterhaltung und Lehrreichem, drängte sich uns eine weitere Erkenntnis auf: So wie die „Alten Meister" vor vielen Jahren die Islandpferdeszene begründeten und formten, ist es nun an uns - der „jüngeren Generation" - dafür zu sorgen, dass der Islandpferdesport auch weiterhin in Bewegung bleibt, sich entwickelt und gedeiht und dass man manchmal auch Fehler riskieren muss, um aus ihnen zu lernen. Denn, spätestens jetzt wissen wir ja: Wenn man Islandpferde reitet, hat man einen Traum; und an diesem Traum muss man festhalten.

(Svenja Braun)