News

Sonntag, 11. Januar 2009

Winterseminar "Zur Krönung eine kesse Wette" mit Dr. Gerd Heuschmann und Horst Klinghart

Winterseminar mit Dr. Gerd Heuschmann und Horst Klinghart auf dem Wiesenhof.
Eine kesse Wette krönte den zweiten Tag des Winterseminars auf dem Wiesenhof - und war zugleich Ausdruck für den besonderen Geist, der diese Veranstaltung prägte: Es wurden heikle Themen mit großer Konzentration diskutiert - ernsthaft, aber ohne eifernde Aufgeregtheit, exakt mit der Portion Humor, die offenes Nachdenken zulässt.

Gerd Heuschmann - der Name dieses Referenten lässt derzeit so manchen in der Großpferde-Dressurszene zusammenzucken. Was der Tierarzt aus dem Fränkischen mit seinem viel beachteten, vor rund einem Jahr erschienenen Buch „Der Finger in der Wunde" eingeleitet hatte, setzte er Ende November mit einem aufsehen erregenden Videofilm („Die Stimme der Pferde") fort: Der 49-Jährige kämpft mit biomechanisch untermauerten Argumenten gegen Auswüchse der Reiterei, die nicht vom Gefühl für und von der Partnerschaft mit dem Pferd gesteuert sind, sondern „von Ruhm, Ehre und Eitelkeit" geprägt in eine „Selbstzelebrierung auf Kosten der Pferde" ausarten.

Heuschmann macht sich dabei in der Turnierszene nicht besonders beliebt. Für Reiter, die die Rollkur anwenden, hat er kein Verständnis, für Richter, die dies dulden, noch weniger.

Obendrein spart er auch die eigene Zunft nicht aus: „Wir Tierärzte leben eigentlich nicht schlecht davon. Deshalb hinterfragen viele diese Entwicklung nicht", stellt er lapidar fest - um später im Vortrag sinngemäß mehrfach ironisch anzumerken, wie geschäftsschädigend die Gedanken und Tipps im Grunde seien.

Deutlich mehr als drei Stunden fesselt der Tiermediziner dann sein Publikum - knapp 40 jugendliche Kaderkursteilnehmer, Richter und Sattelbauer - von denen etliche glatt die Strapazen der Saisonauftakt-Fete vom Abend zuvor vergessen, obwohl diese bis weit in die frühen Morgenstunden angedauert hatte..

Heuschmann serviert vor allem Tatsachen - angefangen von der messbaren Erkenntnis, dass der „tragende" Knochenstab des Pferderückens gerade mal so dick ist, wie ein menschliches Handgelenk - und dass daran beim wohlgenährten Pferd rund 200 Kilogramm Bauch und Eingeweide hängen, plus mindestens 70 Kilo Reitergewicht obendrauf. Tatschen, die auch Hartgesottene zum Grübeln verleiteten.

Heuschmann zu hören - das erweist sich beim Seminar als exakt richtige Ergänzung zum Lesen und (Video)Sehen. Denn immerhin hat der Tierarzt mit Bereiterlehre 2006 ein Buch veröffentlicht und Ende 2008 ein Video. Versprochenermaßen bleibt er keine Antwort schuldig: Ob es nun über die S-förmige Halswirbelsäule diskutiert, deren Hebel massiven Einfluss auf den Rücken des Pferdes nimmt; ob er den Schlaufzügel verbannt, weil dieser den Dehnungsradius einschränke und damit die Möglichkeit verschenke, dass sich das Pferd über den Rücken tragen kann; ob er aufzeigt, wie und warum der Rückenmuskel gequetscht wird, wenn ein Sattel zu weit hinten auf den unbeweglichen Lendenwirbeln liegt.

Gerade die Tatsache, dass er nachweislich auch ein guter Reiter ist, macht Gerd Heuschmanns Analyse glaubwürdig. Er kennt die Tricks, mit denen die Showmaker im Sattel blenden. Er sieht es mit dem Zynismus der Mediziner: „Wenn die Beine noch halten, kann man bei vielen Pferden den Rücken wieder rehabilitieren."

Unerbittlich prangert der Tierarzt trotzdem schlechtes - das heißt: nicht pferdegerechtes Reiten - an. „Gerade wir in Deutschland wüssten es doch besser", sagt er und zitiert aus Werken von Könnern wie Bürger/Zschitzmann, Oscar Maria Stensbeck oder Professor Ulrich Schnitzer, die vor Jahrzehnten bereits Tendenzen aufgespürt haben, an denen sich noch heute die Geister in der Szene scheiden.

Aller Selbstironie und Lässigkeit zum Trotz lässt der Dr. am seiner grundsätzlichen Haltung keinen Zweifel - nimmt seine Zuhörer mit indem er schwierige Zusammenhänge durch eingängige Anekdoten veranschaulicht, die besonders die wichtigste Botschaft transportieren: Fast immer vermittle der Wettkampfbetrieb heute, dass die Akteure ihre Pferde nicht liebten - they don't love their horses, zitiert Heuschmann einen befreundeten über 80-jährigen amerikanischen Pferdeflüsterer, mit dem er erst vor wenigen Tagen ein deutsches Turnier besucht habe.

Kongenial ergänzt werden Heuschmanns Aussagen bei dem von Jugendleiterin Daniela Gehmacher organisierten Seminar durch die Analysen des Bundestrainers Horst Klinghart. Dieser geht live und auf dem Video vor allem auf die isländerspezifischen Gangarten Tölt und Rennpass ein. Er erarbeitet am ersten Tag mit den Jugendlichen, wie sich gutes Reitgefühl, pferdegerechte Arbeit und die entsprechende Benotung durch die Richter in Einklang bringen lassen könnten - indem zum Beispiel mehr Wert darauf gelegt wird, Raumgriff und Schulterfreiheit zu unterscheiden von hackender Bewegung eines zu eng gemachten Pferdes. Sehr geschickt ausgewählte Bilder vermittelten den Teilnehmern einen guten Eindruck, erleichterten das Erkennen eines störungsfrei arbeitenden Rückens und feinfühliger Anlehnung.

Auch mit psychologischem Geschick ermutigt Klinghart die Reiter, ihrem Gefühl zu folgen. Und dabei so viel Wissen zu sammeln, dass sie einer pferdegerechten Ausbildung trauen können. Seine Botschaft: die Arbeit für einen ökonomischen, harmonischen Bewegungsablauf mache sich langfristig bezahlt. „Fangt schon mal an, die Richter kommen dann nach", scherzt er, denn selbst er Laie könne die natürliche Ausstrahlung eines mental zufriedenen Pferdes erkennen.

Wer mit elastischem Sitz genau und feinfühlig arbeite, müsse sich nicht viele Gedanken um die Versammlung machen. Diese steigere sich mit der guten Ausbildung von selbst, hakt Gerd Heuschmann ein, dem die gut sitzenden Reiter und das vielseitige Interesse der Kursteilnehmer imponieren. Und er bekommt Rückenwind aus der kessen Wette im praktischen Teil des Seminars: Bei einem der Beispielpferde, die Bernhard Podlech und Eric Winkler gekonnt und mit sehr viel Gefühl präsentierten, passte der Sattel nicht zum Trainingszustand - drückte mangels Muskulatur auf die Lendenwirbel.

„Zügellahm." Diesem Urteil des Tiermediziners konnte niemand widersprechen.

In der Diskussion um den idealen Sattel entspann sich die Frage, ob der Reiter sich auf dem festen Rücken wohl ohne oben würde halten können. Für den gut sitzenden Eric Winkler am Ende kein Problem. Für das Publikum mehr als eindrucksvoll, weil die Zügellahmheit des Pferdes prompt verschwand, die Bewegungen harmonisch wurden - so eindrucksvoll, dass auch mit Turnier-Augen am Ende im Schritt, Trab und Tölt sicher eine Note mehr herausgesprungen wäre.


(Anke Schwörer-Haag, Ellbogengänger)